Die Gebiete in Caldrien > Das Caldrische Imperium
La Follye, 267 n.J.
Simon de Bourvis:
Der Wind war aufgefrischt, als Simon nach vorne trat.
Seine Augen blieben an kleinen Wirbeln von Schneeflocken zu seinen Füssen hängen. Immer hübsch im Kreise.
Dreht Euch, dreht Euch...
Er räusperte sich.
Oh Aine lass mich etwas Weises sagen, Lavinia...etwas tröstliches...IRGENDETWAS...
"Lorainne de la Follye war..."
Er schluckte, räusperte sich erneut.
"War mir Tochter, Ritterschwester, Freundin...uns allen..."
Er schloss kurz die Augen, sammelte sich.
"Ihr Leben war für viele ein Widerspruch" begann er erneut.
"Dame und Ritter. Sohn und Tochter. Lehensfrau und Ordensfrau. War Tod und Leid für Manchen und brachte doch Frieden und Glück für la Follye..."
Er sah zu dem Leichnam.
"Einem Kinde Mutter, dem sie auch Vater sein musste. Einem Manne Weib und doch nie verheiratet..."
Eine Windböh riss ihm den Hut vom Kopf,
"Wir nehmen Abschied..." und trieb ihn weiter fort als er ihn aufnehmen wollte.
Da riss der letzte Faden contenance und liess ihn in die Himmel rufen:
"Ja Blas, BLAS sag ich, spreng die Backen! Bedecke deinen Himmel, voran Nadurias Donnerkeil, der Eichen spaltet! VERSENG mein weisses Haupt"
Er hob die arme und schrie seine Hilflosigkeit hinaus.
"Du Donner, schmetternd, schlage flach das mächtige Rund der Welt; zerbrich die Formen der Natur. Rassle nach Herzenslust! Spei', Feuer! Flute, Regen! Ertränke die Türme!
Denn HIER!"
Er wies wie anklagend mit zitternder Hand auf den Scheiterhaufen.
"HIER senden wir Euch Göttern eine, zu der kein laues Lüftchen PASST. Die Stürmen trotze oder selber stürmte!"
Wie zum Hohn flaute der Wind ab und der Schnee legte sich wieder schwer auf das Land.
Er Atmete mit geschlossenen Augen durch, drehte sich zu den Versammelten und fuhr nun leiser fort.
"Sie hätte später sterben können, dafür wär noch genug Zeit geblieben. Als alte Gevatterin im Kreis der Lieben, ja! So wollten wir sie gerne sehen.
Wir!
Wir, die torkelnd taumelnd durch dies Leben gehen, uns ausstaffieren und spreizen wie die Pfau`n. Kriechen so mit kleinem Schritt von Tag zu Tag, zur letzten Silbe auf unserm Lebensblatt;
Und doch zum staubigen Tode zuletzt.
Und werden dann nicht mehr vernommen.
Und nichts bleibt.
Und es bedeutet Nichts."
Erneut sah er zu ihrem Leichnam hoch.
"Doch SIE.
Ritt aus als Mädchen noch und nur ein Sehnen hatte sie. Die Grossen Legenden und Geschichten. DORT wollte sie sein. DIE wollte sie leben.
Ja, voller Hörnerklang und Wut und Hass und Liebe und Tanz und Lachen.
Und so...
Zum Ende.
Wird sie was sie so sehr geliebt.
Eine Geschichte. Eine Legende."
Er sah sich traurig lächelnd um.
"Und findet so im Tode noch..."
Er blinzelte kurz die Tränen fort und flüsterte mit rauer Stimme.
"Unsterblichkeit!"
Arienne:
Als Berengar hinzutrat machte Arienne ihm Platz und ging an die andere Seite von Vanion.
Auch sie nahm Haltung an. Sie lauschte den leisen Worten Berengars und sende ein stummes Gebet an Lavinia. Dann richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf Fulk und hörte ihm zu. Stille heiße Tränen rannen ihr übers Gesicht, denn sie hatte Lorainne de La Follye nie richtig kennen lernen dürfen. Der Ausruf der Menschen von La Follye lies sie zusammenzucken. Ein anerkenndes Lächeln huschte ihr übers Gesicht und sie wischte die Tränen weg. 'Sie ist wahrlich von ihren Leuten geliebt worden.'
Mit dem aufrischenden Wind, der sie dazu brachte den Mantel enger zu ziehen, trat ein Ritter aus dem Kreis der Umstehen vor. Sie sah ihm an, dass Lorainnes Tod ein schwerer Verlust für ihn war. Mit mehr Fassung als sie von sich selbst gedacht hätte beobachte sie das Gebahren des Ritters. Er tat ihr Leid. Als er fertig war tippte sie Vanion an und fragte leise: "Ist das Simon de .. de Bourvis?" Vanion konnte ihn ihrem Blick das Mitleid für den Ritter erkennen.
Vanion:
"Später, Arienne."
Nach Simons lauten, wilden Worten hatte sich eine feierliche Stille über die Szenerie gelegt. Allein der aufbrandende Wind wirbelte durch die Bäume und ließ ihre kahlen Kronen sich wiegen.
In vollem Ornat trat der Schwanenritter vor. Das Ehrenband Goldbachs baumelte von seinem Schwertknauf, verwob sich mit dem blau-gelben Band, das er vor Jahren erhalten hatte, und einem bunten Flechtwerk. Und von seinem Gürtel herab hing ein Streifen grün-weißen Stoffes, den eine Distel zierte.
Er senkte den Kopf in stiller Trauer und begann leise zu singen.
"She wasn't ladylike but lively, not the type you would expect
With a braver heart than many and a slot-shot to respect
I guess she'd once decided this was where she'd like to be
And I thought if she could do it, why not me."
Dann nahm er Abschied.
"Je suis prest."
Anders:
Schließlich trat die Kenderin von etwas weiter hinten nach vorne. Ob das leichte Zittern vom kalten Wind oder von der inneren Anspannung kam war schwer zu sagen. Lorainnes Körper war in ein Tuch geschlagen, das erleichterte es ihr den Blick zu heben. Sie lag so still da, nein... schlafen tat sie wirklich nicht. Vorsichtig öffnete die Kenderin ihren Beutel und zog eine getrocknete Distel heraus die sie eine Weile schweigend betrachtete ehe sie sie vorsichtig auf das weiße Tuch legte.
"Sei mir bitte nicht mehr böse wegen dem Kloster.", ihre Stimme war zu leise als das die Umstehenden etwas genaues hören konnten. "Ich habe mir wirklich nur Sorgen um dich gemacht. Ich wusste, dass das was ich tue nicht erlaubt war und das ich vielleicht den Zorn eines Gottes auf mich ziehe... aber... aber das war mir egal. Ich musste wissen ob es dir gut ging, und dafür hätte ich den Zorn auch auf mich genommen."
Wieder brannten Tränen in ihren Augen. Sie spürte Lorainnes Hand unter dem Stoff und legte ihre darauf.
"Ich habe dir noch etwas mitgebracht. In meinem Volk gilt der Tod nur als die nächste Reise. Hier... damit du dich nicht verirrst." Sie holte einige zusammengefaltete Blätter Pergament und einen Kohlestift aus ihrer anderen Umhängetasche und schob sie zwischen die Zweige. Einzelne Tränen liefen ihr über die Wangen.
"Grüß die anderen wenn du sie gefunden hast. Vor allem Silas und Benjen und vergiss nicht dich bei Alain zu entschuldigen. Das bist du ihm schuldig nach all der Zeit. Ich hätte so gerne mehr Geschichten für dich erzählt, und mehr Lieder für dich gesungen. Ich...", flüsterte sie.
Anders schluckte schwer und hob die geröteten Augen ein letztes Mal dorthin wo Lorainnes Kopf sein musste.
"Ich werde deiner Tochter ganz viel von dir erzählen. So wie alle hier. Sie wird dich durch uns kennen lernen, sodass sie dich erkennt wenn sie dir eines Tages hinterher kommt. Bitte vergiss mich nicht. Ich werde dich nie vergessen. Und ich hab dich unglaublich lieb Lorainne und ich hoffe das wenn die Götter es erlauben wir uns eines Tages vielleicht wieder sehen. Schlaf gut."
Damit löste sich die Kenderin vom Scheiterhaufen und kehrte mit gesenktem Kopf und eingezogenen Schultern an ihren Platz zurück.
Berengar von Thurstein:
Als Vanion und Anders Abschied genommen hatten, atmete Berengar leise durch. Dann nickte er kaum merklich, wie um sich einen Ruck zu geben, und trat ebenfalls vor. Mit seinem leicht hinkenden Gang trat er aus der Menge der Umstehenden hervor, ging auf Lorainne zu und blieb kurz vor ihr stehen. Wie im Zwiegespräch mit jemandem, den nur er sehen konnte, hielt er kurz inne, den Kopf leicht gesenkt.
Doch der Moment verstrich und er straffte sich. "Ich mag nur ein Wimpernschlag in deinem Leben gewesen sein, gemessen an der Zeit, welche dir in diesem Leben gegeben ward. Für mich warst du ein Sonnenstrahl in einer Welt, die viele Härten bereit hält, und in der Schwäche nicht selten bestraft wird. Ich wusste, so lange es dich gab, war ein weiteres Leben da draußen, welches sich an mich erinnern würde, wenn ich abberufen würde. Nun ist es an uns, sich an dich zu erinnern und von dir zu berichten."
Mit diesen Worten trat er an Lorainnes Scheiterhaufen heran und sah auf sie herab. Durch den dünnen Stoff, der sie einhüllte, konnte er das Eichenlaub erahnen, welches er ihr vor zwei Jahren auf dem Fest der Grenzen als Gunstbeweis mit ins Turnier gegeben hatte. Zufrieden lächelte er für einen kurzen Moment, dann wand er sich den Umstehenden zu. "Ich habe an ihrem Totenlager geschworen, sie niemals zu vergessen, und ich erneuere diesen Schwur vor euch, als meine Zeugen." Er kniete nieder und stützte sich auf sein Schwert, welches in diesem Moment im Stillen seinen Namen erhielt.
"Ich werde dich niemals vergessen, Lorainne de la Follye, so lange ich lebe nicht. Impares nascimur, pares morimur. Ungleich wurden wir geboren, als Gleiche sterben wir." Als er sich erhob huschte ein gequälter Ausdruck über seine Züge, doch mit dem nächsten Anhauch des Windes, der ihn streifte, war es vorüber, und er lächelte erleichtert. Ein letzter Blick streifte die Tote, dann ging er zurück zu seinen Freunden und nahm wieder seine militärische Haltung ein, die Hand wieder für die anderen ungesehen an Anders´ Schulter.
Navigation
[0] Themen-Index
[#] Nächste Seite
[*] Vorherige Sete
Zur normalen Ansicht wechseln