Die Gebiete in Caldrien > Das Caldrische Imperium

Das Rittergut Merdrignac (Frühjahr 270 n.J.)

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Yorik:
Die Sonne näherte sich bereits dem Horizont, als André die Mündung der Droor erreichte. Hier, im Rittergut Merdrignac, wo sich der Fluss mit dem Meer vereinte, befand sich das Zentrum der Bernsteinfischerei in Nordcaldrien - und der Ort, an dem Édouard als letztes gesehen worden war. Schon aus der Entfernung konnte André den befestigten Turm erkennen, der wie ein wachsamer Soldat am Ufer thronte, und ebenso all die kleinen und größeren Gebäude, die sich um ihn drängten, um etwas von seinem Glanz erhaschen zu können.

Der Gardist zog den Ledergurt etwas enger, an dem der Sack mit den Werkzeugen seines Vaters hing und betrat die Siedlung. Er hatte Valet im Stall einer vertrauenswürdigen Bauernfamilie gelassen, ungefähr eine Stunde Fußmarsch von hier entfernt, daher fiel er kaum auf, als er sich unter die Menge der Fischer, Händler und Reisenden mischte, die selbst zu dieser fortgeschrittenen Stunde noch die Straßen des Städtchens füllten. Sein Ziel war es, sich erst einmal einen Überblick zu verschaffen - er brauchte eine Unterkunft, und zwar am liebsten in der Nähe des Hafens. Dort musste Édouard angekommen sein, also war es der beste Ort, um mit der Suche anzufangen.

Yorik:
Einige Stunden später:

Das Gasthaus "Zur lachenden Möwe" war ein einfaches, rustikales Etablissement das sich wie viele seiner Art damit rühmte, saubere Betten und warmes Essen für einen angemessenen Preis anzubieten. Schon wenn man die Stube betrat, stieg einem der Duft von deftigem Eintopf in die Nase, doch selbst dieser konnte Andrés Laune an diesem Abend nicht heben. Der junge Gardist hatte die letzten Stunden damit verbracht, erfolglos von einer Taverne zur anderen zu laufen, er hatte an den Docks gefragt und auch mit dem Hafenmeister gesprochen - ohne Erfolg. Nichts deutete darauf hin, dass Édouard überhaupt hier gewesen war. Zwischendrin hatte André mit dem Gedanken gespielt, die Karten einfach auf den Tisch zu legen und ganz direkt im Namen Goldbachs nach dem Verbleib des Mannes zu fragen, doch er hatte sich zurückgehalten. Der Sergeant hatte ihm aufgetragen, so unauffällig wie möglich zu sein, und daran würde er sich halten. 

Mit einem frustrierten Seufzen ließ André sich auf einen der hölzernen Schemel sinken, die die massive Eichenholztheke umrahmten, dann nickte er dem Wirt freundlich zu. "Bonsoir Monsieur", begrüßte er untersetzten Mann, "'abt Ihr vielleischt ein Bière und eine warme Suppe für einen müden Schreinergesellen?"
Der Wirt schmunzelte unter seinem dunklen, buschigen Schnurrbart. "Wenn dieser Geselle Kupfer hat, ganz bestimmt", brummte er amüsiert, während er sich umdrehte, um seinem neuen Gast das angeforderte Getränk zu holen. "Was führt disch her Junge? Suchst du Arbeit?"
André nickte. "Oui. Isch komme aus dem Norden, aus 'nem Kaff na'e der Küste. War mir zu langweilisch da." Er lachte. "Dachte mir, wenn isch was aus mir machen und die Welt sehen will, muss isch weiter nach Süden... aber bis'er 'abe isch noch nischt allzu viel Aufregendes gesehen. 'offe, das änder sisch 'ier."
Jetzt war es an dem Wirt zu lachen. "Du suchst nach Aufregung? 'ier in Merdrignac? Isch fürchte, da muss isch disch enttäuschen. Das Spannenste was 'ier normalerweise passiert ist der wöschentlische Fischmarkt." Mit diesen Worten stellte er einen Humpen mit caldrischen Bier auf den Tresen, gefolgt von einer Schüssel, in der eine dicke, braune Suppe verheißungsvoll vor sich hin dampfte.
"Wirklisch?" André musste seine Enttäuschung nicht einmal spielen. "Gab es 'ier denn in den letzten Tagen gar nischts Besonderes? Keine seltsamen Vorkommnisse oder auffällige Fremde?"
Der Wirt schüttelte den Kopf. "Nein, tut mir Leid Junge. Isch meine, Fremde bekommen wir 'ier immer wieder mal, aber die meisten sind einfach nur durschreisende 'ändler oder junge Burschen wie du, die sisch an den Docks verdingen wollen. Das 'ier ist nischt Donnerbach." Er wollte sich schon wieder abwenden, da schien ihm etwas einzufallen. Verächtlich atmete er durch die Nase aus. "Wenn du so versessen auf abenteuerlische Geschischten bist, kannst du ja mit dem alten Fernand spreschen", erklärte er. "Der behauptet, eine Kreatur der Finsternis 'abe ihn vor ein paar Tagen überwältigt und eines der Pferde seines 'errn gestohlen."
Bei diesen Worten horchte André auf. "Das klingt ja wirklisch abenteuerlisch", meinte er, "oder zumindest nach einer guten Geschischte. Wo finde isch diesen Fernand denn?"
"Direkt 'inter dir", antwortete der Wirt, "es ist der alte Säufer an der Feuerstelle." Kurz nickte er zu einem Tisch, an dem ein älterer Mann in den schmutzigen Kleidern eines Stallarbeiters vor einem leeren Krug saß. "Aber sei vorsischtig - wenn ihm das Geld fürs Bière ausgeht, macht er gerne mal lange Finger."

Nachdem er seinen Eintopf verputzt, die Hälfte seines Biers geleert und ein zweites bestellt hatte, begab André sich mit beiden Humpfen hinüber zu Fernand, der ihn im ersten Moment gar nicht zu beachten schien. Tief in Gedanken versunken starrte er ins Feuer, bis der junge Gardist den zweiten Stuhl nach hinten schob, um sich ungefragt dazuzusetzen. "Bonsoir Fernand", grüßte André den Stallarbeiter, "noch ein Bière für disch? Isch bin neu 'ier in Merdrignac und 'abe ge'ört, dass du einige interessante Geschischten zu erzählen 'ast." Bevor sein Gegenüber protestieren konnte, schob er den Humpen über den Tisch und nickte Fernand ermunternd zu. Dieser wirkte im ersten Moment ziemlich verdattert, griff aber nach dem Bier, bevor sein Gegenüber es sich anders überlegen konnte.
"Was soll denn das heißen, Bursche?", fragte er misstrauisch. "Bist du 'ier, um dich über misch lustig zu machen, hm? Falls ja, verschwinde. Isch weiß, was wirklisch geschehen ist und isch werde es nischt noch einmal erzählen, nur damit Idioten wie Pierre da drüben was zu lachen 'aben. Putains..."
Oha, dachte André sich, da ist aber jemand verstimmt. Ein Teil von ihm befürchtete schon, dass er hier seine Zeit mit einem verbitterten Suffkopf verschwendete, doch er wollte gründlich sein. Vielleicht war dies hier ja die Spur, nach der er suchte. "'eo, ganz ru'ig", wiegelte er ab, "isch 'abe nischts dergleischen vor. Isch bin nur ein Schreinergeselle, der nach einer guten Geschichten sucht... und isch weiß, dass die Diener des Täuschers weiter verbreitet sind, als man denkt." Die letzten Worte raunte er dem älteren Mann leise zu, sein Gesicht so ernst wie auf einer Beerdigung. "Also, was ist dir wiederfahren? Isch schwöre, isch bin nischt 'ier um disch auszulachen."

Fernand wirkte immer noch etwas skeptisch, doch letztendlich schien er zu dem Schluss gekommen, dass ein junger Handwerker, der ihm zuhörte und außerdem etwas zu Trinken ausgab nicht so schlecht sein konnte. Er nahm noch einen tiefen Schluck von seinem Bier, dann erzählte er. "Isch arbeite für Raymond, den Stallmeister, weißt du? Kümmere misch um die Pferde und passe nachts auf sie auf." Trotz seiner schlechten Laune hellte sich das wettergegerbte Gesicht des alten Mannes für einen Moment auf. "Die Tiere kennen misch, sie vertrauen mir, und der Stall gibt ein besseres Lager ab als irgendeine zugige Bude am Hafen, also schlafe isch normalerweise oben im Stroh. So auch vor drei Tagen. Isch schlafe wie immer den Schlaf des Gereschten, als misch die Pferde plötzlisch aufschrecken. Sie 'atten Angst, das 'abe isch sofort gespürt, also 'abe isch vorsischtig vom 'euboden hinunter geschaut, und was se'e isch da? Eine dunkle, vermummte Gestalt, breit wie ein Schrank aber leischtfüßig wie ein Tänzer, die sisch am Schloss zu Victoire's Box zu schaffen macht. Victoire ist unser schnellstes Pferd, musst du wissen. Isch springe auf, um mein Messer aus der Tasche 'inter mir zu 'olen, will misch schon auf den Kerl stürzen - doch sobald isch wieder zur Box schaue, ist er verschwunden. Einfach so! Kanns du dir das vorstellen?"
Mit seinen großen braunen Augen starrte Fernand André an, der seinen Blick mit ebenso großen Augen erwiederte. "Unglaublisch! Und dann?"
"Und dann bin isch natürlisch hinuntergeklettert, um mir das anzusehen!", stieß der Stallarbeiter aus. "Musste ja sischerstellen, dass mit Victoire alles in Ordnung ist und das der Kerl wirklisch weg ist. Isch lasse misch also vom 'euboden 'inunter, wende misch Victoires Box zu... und plötzlisch wird alles um misch rum schwarz. Die Kreatur 'at mir das Bewusstsein geraubt, einfach so! Und als isch wieder aufwachen, nun..." Mit einem Mal trat tiefer Kummer auf sein Gesicht. "Die Box war offen und Victoire war verschwunden. Isch 'abe sofort Alarm geschlagen, aber es war zu spät - das Monster war schon über alle Berge."

Fernand verstummte. Mit dem trübseligsten Blick, den André seit langem gesehen hatte, starrte er auf die Tischplatte und leerte sein Bier dann mit einem letzten tiefen Zug. "Und Junge", fragte er, "was meinst du? Glaubst du mir, oder 'ältst du mich für einen betrunkenen alten Tölpel, wie alle Anderen hier?"
"Oh, isch 'alte disch keinesfalls für einen Tölpel, Fernand", versicherte André dem anderen Mann, stark darum bemüht, seine Begeisterung zu verbergen. "Isch glaube dir sofort, dass das kein normaler Dieb war, und isch glaube nischt, dass du irgendetwas hättest besser machen können... vor allem muss isch aber sagen, dass du misch neugierig auf die Ställe von Raymond gemacht 'ast - sie klingen wundervoll." Kurz runzelte André die Stirn, so als würde er scharf über etwas nachdenken. "Sag, dein 'err sucht nischt zufällig jemanden, der Reparaturen an den Stallungen vornehmen kann, oder?"

Yorik:
Am nächsten Tag, einige Meilen außerhalb der Stadtmauern von Merdrignac:

Mit einem tiefen Seufzen wischte André sich den Schweiß von der heißen, geröteten Stirn. Seine Bewegungen waren etwas zu schleppend für seinen Geschmack und Valet keuchte hörbar unter ihm, doch sie konnten jetzt nicht rasten - oder zumindest nicht lange. Sie hatten endlich eine Spur, die sie um jeden Preis verfolgen mussten.

Noch in den frühen Morgenstunden hatte der Gardist die Stallungen von Meister Raymond aufgesucht, um seine Dienste als Schreiner anzubieten, und auch wenn der alte Mann zuerst skeptisch gewesen war, hatte er die Hilfe bei den anstehenden Reparaturen schließlich angenommen. André hatte sich pflichtbewusst an die Arbeit begeben, oder zumindest hatte er so getan, während er in Wahrheit die Augen nach Spuren des Einbruchs offen gehalten hatte. Das war zwar nicht ganz einfach gewesen, ohne aufzufallen, doch schließlich war er fündig geworden: Ein beschädigter Zaunpfahl, etwas zerstreutes Stroh und Hufspuren, die jemand sorgsam mit Blättern und Erde verborgen hatte... nicht sorgsam genug für André, natürlich. Dieser hatte seine neue Arbeit bei den Ställen rasch hinter sich gelassen um den Spuren bis dorthin zu folgen, wo der Dieb sie nicht mehr zu verstecken gesucht hatte, und als er an diesem Punkt angekommen war, hatte er Valet geholt, um der Fährte richtig folgen zu können, wohin auch immer sie führen mochte.

Und hier war er nun. In der brennenden Mittagssonne, durstig und müde von zu wenig Schlaf, auf dem Rücken seines ausgelaugten Pferdes. Er hatte die Siedlung jetzt zweimal umrundet, doch die Fährte war irgendwann leider zu undeutlich geworden, um ihr wirklich zu folgen. André konnte nur mit Sicherheit sagen, dass es keine Spuren oder Hinweise in der unmittelbaren Umgebung gab, also hatte er seine Suche auf das Umland erweitert. Mittlerweile trabte er über eine einen schmalen Weg, der von der eigentlichen Handelstraße abzweigte, um sich herum Ackerland, das nur hier und da von vereinzelten Höfen durchbrochen wurde. "Isch weiß Valet", murmelte er mehr zu sich selbst als zu seinem treuen Freund, "isch bin auch erschöpft... aber wir können jetzt nischt rasten. Edouard muss 'ier..."

Er stockte. Noch während er gesprochen hatte, hatte André seinen Blick über die nahen Felder schweifen lassen, aufmerksam trotz der Müdigkeit und da, in einem mittelhohen Busch nahe der Straße, blitzte etwas in der Sonne. Etwas kleines, metallisches, umgeben von einem glatten braunen Material. Der junge Mann rieb sich die Augen, wie um sicherzustellen, dass er nicht träumte, dann stieg er ab, um sich den Gegenstand genauer anzusehen. Nein, er hatte sich nicht vertan. Hier in diesem Gestrüpp, kaum zu sehen hinter den Zweigen und schon etwas mitgenommen von Wind und Wetter, hing ein schmales Amulett aus Leder, das mit Metall beschlagen war. Edouards Dienstmarke. André schluckte. Diesen Gegenstand hier zu finden bedeutete entweder, dass der ehemalige Marshal d'Hotel so unachtsam gewesen war, dass er seine Marke verloren hatte... oder er hatte sich ihrer absichtlich entledigt. André wusste nicht, welcher Gedanke ihm weniger gefiel, doch eines stand fest: Er war hier richtig. Er musste seine Suche intensivieren, auch wenn das bedeutete, direktere Fragen zu stellen und schlimmstenfalls eine Identität preiszugeben. Er brauchte einen Zeugen, der ihm mehr sagen konnte...

Es dauerte etwas, bis André schließlich fündig wurde - auf dem dritten Hof, den er sich in der Nähe angesehen hatte. Sie war einige Jahre jünger als er, fast noch ein Mädchen, und hatte am Anfang etwas misstrauisch reagiert, doch sein chamantes Lächeln und ein kleiner Teil seines hart erarbeiteten Solds hatten sie letztendlich überzeugt, ihre Beobachtungen mit ihm zu teilen. Selbst hier, im Schatten eines vereinzelt stehenden Obstbaumes hinter dem Haus ihrer Eltern fiel dem Gardisten auf, dass sie nur sehr leise sprach und sich die ganze Zeit umschaute.

"Isch 'abe ihn bei dem kleinen 'ain gese'en, nischt all zu weit von 'ier", erklärte die junge Frau. "Es war Nacht und eigentlisch 'ätte isch schon längst schlafen sollen, aber der Mond schien so 'ell und isch dachte mir, dass ein kleiner Spaziergang in seinem Lischte schon nischt schaden könnte..." Sie kicherte etwas kokett, doch André war zu konzentriert auf ihren Bericht, um darauf einzugehen. "Er trug dunkle Kleidung, so wie die anderen Drei auch. Sie 'atten sich im Schatten der Bäume versammelt und ihre Worten waren zu leise, um sie zu 'ören, doch als einer sisch schließlisch umdrehte, 'abe isch sein Gesischt erkannt..."
"Ja...? Und?!" Nur mühsam konnte André seine Ungeduld verbergen. Wenn Edouard sich hier mit irgendwelchen fremden Männern getroffen hatte, musste er es unbedingt wissen... doch das Mädchen zögerte. "Es... ist gefährlisch", murmelte sie. "Mein Papa sagt immer, mit diesen Männern wollen wir nischts zu tun 'aben. Sie bringen Unglück."
André schloß die Augen und atmete tief durch. "Bitte, ma chère", flehte er, "du musst es mir sagen! Wenn du es nischt tust, ist es mein Unglück, und zwar ganz ohne Zweifel!" Das schien der jungen Frau zu gefallen. Sie kicherte nochmal, trotz ihrer sichtbaren Angst, und lehnte sich zu dem Gardisten hinüber. "Sie... sind oft im 'afen unterwegs,", raunte sie ihm zu, "vor allem Nachts... und manschmal nutzen sie die Nebenstraßen 'ier. Niemand redet viel über sie, und isch weiß nischt was sie machen... nischt wirklisch... aber wenn das Gerede stimmt, 'aben sie etwas mit Bernstein zu tun. Du weißt schon, die Art Geschäft, die auf keiner Liste steht... und an dem der Büttel so über'aupt nischt seine Freude 'at."

Das war es also. Bernsteinschmuggel. André musste schlucken, wärhend er diese Information verdaute. Je länger er hier in Merdrignac war, desto schlechter war sein Gefühl geworden, und er hatte die Hoffnung auf eine beruhigende Erklärung eigentlich schon aufgegeben, aber das? Geschäfte mit gemeinen Vebrechern? Das ergab keinen Sinn! Der junge Gardist blickte über die Straße, die sich fast unendlich in die Ferne zu erstrecken schien und fuhr sich erneut über die Stirn. Oh Edouard, dachte er sich im Stillen, wo bist du da nur hineingeraten?

Yorik:
Der selbe Tag, am frühen Abend:

Zögernd stand André vor dem imposanten, aber einfach gebauten Steingebäude, das nun vor ihm aufragte. Die Tür war nicht weit von ihm entfernt, nur zwei Schritte und er hätte anklopfen können - doch er rang mit sich. Nachdem das Gespräch mit der jungen Frau auf dem Hof ihm klar gemacht hatte, dass Edouards Spur zu den Bernsteinschmugglern von Merdrignac führte, hatte er vor einer Wahl gestanden: Entweder, er versuchte sich unauffällig unter die zwielichtigen Gestalten im Hafen zu mischen und zu den Schmugglern selbst Kontakt aufzunehmen... oder er bat die Stadtwache um Hilfe. Letzteres war alles andere als ideal, da es bedeuten würde, seine Identität jemandem zu offenbaren... doch die zweite Möglichkeit gefiel ihm noch weniger. Ja, André war gut darin, in Menschenmengen unterzutauchen und unauffällig ein Gespräch mit Fremden zu führen - das bedeutete aber noch lange nicht, dass er in der Lage war, eine Zirkel skrupelloser, professioneller Verbrecher zu infiltrieren. Er war kein ausgebildeter Spion...

Und so kam es, dass er nun vor der Kaserne der Stadtwache auf- und abging. Sein Verstand sagte ihm, dass es die klügste Vorgehensweise war, doch sein dummes stolzes Herz wollte die Mission unbedingt "perfekt" und ohne Hilfe abschließen. Wollte aus dieser Stadt verschwinden, ohne überhaupt aufgefallen zu sein...
Letztendlich schüttelte André den Kopf. Es brachte nichts. Der Sergeant würde nicht wollen, dass er sich in Gefahr brachte oder riskierte dass er, mit all dem Wissen das er hatte, irgendwelchen Kriminellen in die Hände fiel... also klopfte er letztendlich an die Tür des Wachhauses und zeigte dem Mann, der ihm öffnete, seine Marke sowie seinen Soldbrief. Es war die beste Option...
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"Und wer genau ist dieser Mann, nach dem du suchst? Warum genau ist die Garde des Hauses Goldbach an ihm interessiert?"
Der Hauptmann der Wache von Merdrignac taxierte André mit einem neugierigen Blick. Es hatte ein wenig gedauert, bis der junge Gardist überhaupt zu ihm vorgelassen worden war, und natürlich hatte er dann erstmal Rede und Antwort zu seinem Rang, seinem befehlshabenden Offizier und seiner Aufgabe in dieser Stadt stehen müssen. Es passierte nicht oft, dass Besuch vom Hof der Baronin kam und wenn, dann war es ganz sicher kein einzelner Gardist. Der Hauptmann war skeptisch gewesen, bis André auch ihm nochmal Marke und Soldbrief vorgelegt hatte, und jetzt war er fast bereit, ihm zu helfen... doch da war immer noch diese Frage. Eine Frage, über deren Antwort André sehr lange und sehr ausführlich nachgedacht hatte.

"Er ist ein Mann, mit dem das 'ause Goldbach, spezifisch die Wache in den letzten Jahren viele Geschäfte betrieben 'at und der nun seit einiger Zeit wie vom Erdboden verschluckt ist. Natürlisch liegt uns nischts ferner, als uns in Eure Arbeit einzumischen und isch bin nischt 'ier, um irgendwen festzunehmen oder nach Goldbach zu schleppen. Alles was isch wissen will ist, was mit diesem Mann passiert ist und wo er sisch jetzt auf'ält. Da er, wie bereits gesagt, offenbar irgendwie mit  Bernsteinschmugglern in Berührung gekommen ist, schien es mir, als könntet ihr mir da am ehesten 'elfen." Er verstummte. Technisch gesehen hatte er nicht gelogen - die Garde hatte ja durchaus Geschäfte mit dem ehemaligen Marshal d'Hotel gemacht... André hoffte nur einfach, dass der Hauptmann seine Erklärung schlucken würde...

...was er nicht tat. Zumindest nicht so richtig. "Nun, das ist eine etwas vage Erklärung, meinst du nicht, Junge?" Der Blick des Hauptmannes wurde noch durchdringender. Stechend. "Geschäfte ist ein sehr weiter Begriff, und in dieser Stadt sind einige Leute auf die eine oder andere Art in den Bernsteinschmuggel verwickelt - mehr, als mir lieb ist. Also wieso bist du nicht noch ein kleines Bisschen deutlicher?" Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. André runzelte die Stirn. Der Mann wollte seine Macht demonstrieren... wollte zeigen, wer hier am längeren Hebel saß. Doch auch wenn das hier seine Stadt sein mochte, vergaß der Hauptmann etwas.

"Capitaine, bei allem Respekt", setzte er also an, "die Geschäfte des 'auses Goldbach sind letztendlisch die Geschäfte Ihrer Gnaden der Baronin, und wenn diese befindet, dass gewisse Informationen besser inner'alb der Befehlsstrukturen der Garde und des 'auses bleiben, bin isch gezwungen, Ihre Entscheidung zu respektieren. Schließlisch bin isch auf sie angewiesen, wie Ihr gewissermaßen auch, nischt wahr? Oder wer ist nochmal Merdrignacs größter inländischer 'andelspartner, wenn es um Bernstein geht?"

Der Hauptmann erstarrte. Er hatte vermutlich mit Vielem gerechnet, aber damit nicht. Nicht von einem einfachen Gardisten. André schaute sein Gegenüber an, nicht herausfordernd oder gar frech, sondern mit dem zurückhaltenden, freundlichen Respekt, die er einem hochrangingen Offizier in seiner Stadt schuldig war. Er hatte gesagt, was er zu sagen hatte... und der Hauptmann verstand dies letztendlich. Sein skeptisches Stirnrunzeln wurde von einem bemüht neutralen Gesichtsausdruck abgelöst und er räusperte sich. "Natürlich ist es der Stadtwache von Merdrignac eine Ehre, Ihre Gnaden mit Ihrer Anfrage zu unterstützen und so lange du, Junge, respektvoll bleibst und dich an unsere Regeln hältst, helfen wir dir..." Für einen Moment verdunkelte sich seine Mine doch noch einmal, er schien nachzudenken - dann fuhr er fort. "Wir haben jemanden in unseren Zellen, der dir vielleicht etwas erzählen könnte..."

Yorik:
Die Arrestzelle war ein enges, schmales, dunkles Ding, das sich wie ein gereiztes Tier in die hinterste Ecke der Kaserne drückte. Die Gitterstäbe waren alt und verwittert, aber immer noch robust und André erkannte selbst aus der Entfernung, dass das Innere wohl einigermaßen anständig in Stand gehalten wurde. Nach allem, was er soeben gehört hatte, befand sie sich wohl regelmäßig in Nutzung.
Der Wachmann, der André in diesen Teil der Räumlichkeiten begleitet hatte, klimperte hörbar mit seinem schwer behangenen Schlüsselbund, während sie an die Zelle herantraten; seine schweren Schritte waren nicht zu überhören... doch die schmale, heruntergekommene Gestalt, die sich hinter den Eisenstäben in den Schatten drückte, schien nicht zu reagieren. "He Arnauld", bellte die Stadtwache, offensichtlich nicht erfreut, auf diese Art ignoriert zu werden, "hier's jemand, der dich sprechen will." Der Angesprochene drehte sich noch immer nicht um, starrte weiterhin die kahle Wand an, doch seine Schultern hoben und senkten sich einmal kurz und ein leises Schnauben war zu hören, fast so, als würde er lachen. Andrés Begleiter funkelte den Insassen daraufhin wütend an, wandte sich aber letztendlich an den jungen Gardisten. "Er ist ganz Euer", erklärte er leise, "aber macht Euch nich allzu große Hoffnungen. Arnauld ist ein Bastard, und ein gerissener noch dazu. Glaub' nich, dass Ihr irgendwas aus ihm rauskriegen werdet, was wir nich schon wissen." Mit diesen Worte drehte er sich um und begab sich zurück zur Tür des Raums - weit genug weg, um André ein wenig Privatsphäre zu geben aber nah genug, falls er etwas dummes oder verbotenes tun sollte.

"Arnauld ist also dein Name", begann André schließlich, als er sich einigermaßen sicher war, wirklich ungestört mit dem Gefangenen sprechen zu können. "Isch kannte mal einen Arnauld... freundlischer Kerl, aber nischt sonderlisch klug in der Wahl der Leute, mit denen er sisch umgab..."
"Versuch's gar nicht erst, Junge", erklang eine raue, messerscharfe Stimme aus den Tiefen des Käfigs. "Ich hab euch nichts zu sagen. Keine Namen, keine Routen, keine Verstecke. Ich weiß von nix und ich hab nix getan. Es gibt nix, was ihr mir anbieten könnt und vor ein paar Jahre im Loch nebenan hab ich keine Angst." Arnaulds Worte troffen nur so vor Selbstsicherheit und Trotz.
"Oh, isch will keine Namen", antwortete André, ohne sich von dem respektlosen Ton provozieren zu lassen, "und auch keine Routen oder Verstecke. Eure kleinen Schmuggelspiele sind mir egal, isch will nur etwas über einen Mann wissen, der vor einiger Zeit in diese Stadt gekommen sein müsste und wohl in Kontakt mit deinen Freunden am Hafen gekommen ist... kahlköpfig, breit gebaut, strenge Gesischtszüge und die 'altung eines Soldaten... 'at sisch um die Zeit des letzten Vollmonds 'erum mit einigen von ihnen vor einem kleinen 'of im Süden getroffen. Isch glaube, dass du etwas über ihn weißt... und isch bin mir ziemlisch sischer, dass isch dir durschaus etwas anzubieten habe, was disch interessieren dürfte."

Zum ersten Mal, seit André den Raum betreten hatte, kam Bewegung in den Körper des Gefangenen. Arnauld drehte den Kopf, wodurch seine langen, verfilzten Haare zur Seite geschoben wurden und ein langes, hageres Gesicht mit klugen, stahlblauen Augen offenbarten. "Ein Fremder, hm?", echote er, immer noch harsch, aber weniger provokativ in seinem Tonfall. "Wieso sollte ich mich um sowas scheren? Wenn er wirklich in Geschäfte mit den Leuten verstrickt wurde, von denen ihr glaubt, dass ich sie kenne, ist er mittlerweile tot oder einer von ihnen - beides nix, womit ich dir helfen kann, Junge." Auf Andrés Angebot ging der Schmuggler gar nicht erst ein. Er schien ihm kein Stück zu glauben.
"Nun, das ist eine Schande", erwidete André nonchalant, "denn dieser Mann wird von sehr mäschtigen Leuten gesucht... Leuten, die es nischt ausstehen können, keine Antworten auf ihre Fragen zu er'alten... und wenn du keine Antworten 'ast, bedeutet das für sie, dass du disch ihnen widersetzt. Im Moment warten vielleischt nur ein paar Jahre in einem dunklen Loch auf disch, aber wenn du disch weigerst, bei dieser Angelegenheit hilfreisch zu sein, kannst du dir schonmal Gedanken darüber machen, was für einen 'übschen Knoten der Henker am ehesten in deinen Strick machen soll."
Natürlich bluffte André... mehr oder weniger. Zwar hatte das Wort der Baronin von Goldbach in diesen Breitengraden ein gewisses Gewicht, und das Verweigern von Hilfe gegenüber denjenigen, die ihren Willen ausführten, war durchaus ein Vergehen, aber der Gardist bezweifelte, dass sie nur auf seinen Bericht hin einen Schmuggler in Merdrignac an den Galgen bringen würde. Dieses Detail würde er Arnauld allerdings ganz sicher nicht auf die Nase binden...

Der Gefangene lachte freudlos und verschränkte die Arme, seinem Besucher jetzt etwas mehr zugewandt. "Ach ja, an den Galgen", spottete er, doch ein gewisser Zweifel schwang in seiner Stimme mit. Offensichtlich hatten Andrés selbstsichere Worte ihre Wirkung nicht verfehlt. "Und was sollen das für Leute sein, die mich nur mit nem Wort dahinbringen können?"
"Leute, die hochgeboren genug sind, um diesen Einfluss zu besitzen und niedrig genug, um ihn auch zu nutzen, wenn man sie verärgert." Andrés Antwort kam so schnell, als hätte man sie aus einer Armbrust gefeuert. Oh Herr Alamar, verzeih mir die lästerliche Rede und lass den Sergeant bloß niemals erfahren, dass ich das grade gesagt habe, dachte er dabei im Stillen. Sein Blick während er die unterschwellige Drohung aussprach, war konzentriert und streng, aber gleichzeitig gelassen... und er verfehlte seine Wirkung nicht.
Arnauld ließ seinen Blick über Andrés Gestalt schweifen, über seine Kleider und seine Ausrüstung. Der Gardist hatte seinen Wappenrock abgelegt, ebenso wie alles andere, was ihn als Diener des Hauses Goldbaches auswies, aber er trug immer noch Kleidung, die ein einfacher Bauer eher nicht in seinem Besitz hatte, ebenso wie eine Seitenwehr, die für einen Bürgerlichen nicht so einfach zu kriegen war. Alles an ihm drückte aus, dass er inoffizielle Arbeit für jemand sehr Offizielles ausführte... und das beunruhigte den Schmuggler.

"Mal angenommen du sagst die Wahrheit...", begann Arnauld daher zögerlich, "was kannst du mir bieten?"
"Komfortablere Unterbringung", antwortete André, "vielleischt sogar eine kürzere Strafe, wenn die Informationen gut sind... aber auf jeden Fall das Verspreschen, dass sisch in nächster Zeit keine Schlinge um deinen 'als legt."
Der Gefangene zögerte. Man sah, dass er mit sich kämpfte, dass er dem Mann vor seiner Zelle eigentlich nicht glauben wollte... doch letztendlich nickte er.
"Ich hab den Mann gesehen", rückte er schließlich heraus, "nur flüchtig und wir haben nich gesprochen. Ich weiß nich, wer er ist oder was wollte, ehrlich... aber ich weiß, mit wem er gesprochen hat." Arnauld rückte etwas näher an die Gitterstäbe heran. Sein Blick wurde sehr ernst. "Ich hab nich gelogen grade, weißt du. Wenn er wirklich an dem Ort war, von dem du sprichst, mit den Leuten, die du vermutest, ist er mittlerweile Teil der Geschäfte im Hafen und wird es mit absoluter Sicherheit auch bleiben... oder er ist tot."

André schluckte. Das war keine neue Information, aber die Gewissheit, mit der sein Gegenüber sie aussprach, traf ihn wie ein weiterer Schlag in seine Magengrube. "Gibt es irgendeine Art, wie ich herausfinden kann, was von beidem der Fall ist?", hakte er nach. "Wenn du es mir sagst, wirst du es nicht bereuen, Arnauld."
Doch Arnauld grinste nur freudlos. "Ich bleibe dabei, Junge. Keine Namen, keine Routen... aber es gibt da ein Versteck, dass du meinetwegen finden kannst. Es ist nich wirklich geheim und wenn du die falschen Leute dorthin führst, wird man eh einen neuen Ort finden. Dieses Versteck hat deine Antwort."
Diese Worte verwirrten den Gardisten und er runzelte die Stirn. "Was soll das 'eißen?", fragte er. "Von was für einem Versteck redest du?"
"Ganz einfach", antwortete Arnauld, "immer, wenn... diese Leute für ihr Geschäft ein Leben auslöschen, nehmen sie dem armen Tropf seine Besitztümer ab. Alle wirklich wertvollen Dinge werden verteilt oder verkauft, aber von jedem Opfer wird ein Gegenstand übrig gelassen - meistens von geringem Wert in Kupfer, aber einzigartig genug, um als Besitz des Toten erkannt zu werden... und dann bringt man diesen Gegenstand an einen Ort, an dem Dinge wie diese aufbewahrt werden. Trophäen, wenn du so willst. Ein Signal und eine Warnung für Alle, sich nicht in gewisse Geschäfte einzumischen.

Andrés Augen wurden groß. Er verstand jetzt. Er verstand, worauf der Gefangene hinaus wollte und es gefiel ihm ganz und gar nicht. "Das 'eißt, wenn der Mann, den isch suche, von den Schmugglern getötet wurde, dann..."
"Genau", kam es von Arnauld. "Geh zu der Grube. Der Weg ist nicht weit. Wenn du dort etwas als den Besitz dieses Kerls wiedererkennst, ist er ein toter Mann."

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