Der Städtebund von Tangara > Brega

Frühjahr 269 n.J. - Goldene Nachtigall in Brega

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Vanion:
Da standen sie nun und sahen einander an. Der Chevalier und die ... Ja, was eigentlich? Hurenhausmutter?

Es tat gut, Klarheit zu haben. Und es tat weh, Klarheit zu haben.
"Als ich hierher kam, hoffte ich auf Frieden. Auf ruhige, intime Stunden, in denen die Welt vor der Türe bleibt. Eine naive Hoffnung, wie mir nun scheint. Du warst für mich immer etwas Besonderes und ich dachte stets, dass es meine Aufgabe ist, dich zu schützen. Nun erkenne ich, dass dem nicht so ist. Du stehst für dich selbst ein. Deine Vögelchen zwitschern und fliegen, und während ich und die meinen mit dem Schwert in der Hand streiten, lauschst du."

Er seufzte.
"Diese Welt ist nicht die Meine und wird es niemals sein. Dieses Parkett der Heimlichkeit, des Ohrenspitzens und des Kratzens einer Feder auf einem Pergament kann niemals das meine werden. So wie du niemals in Schwert und Panzer neben mir auf dem Schlachtfeld stehen wirst, oder wütende Zauber auf deine Feinde schleudern wirst."

Er mühte sich, seine Worte nicht vorwurfsvoll klingen zu lassen.
"Vielleicht lernen wir einander eines Tages wieder kennen. Allerdings habe ich wenig Hoffnung, sind doch dein Metier und meine Berufung nicht zu vergleichen. Zu verschieden erscheinen mir unsere Wege, und die Zweisamkeit, die uns verband, ist dahin."

Er wandte sich ab. Kurz hielt er inne, schien noch etwas sagen zu wollen, aber dann schüttelte er den Kopf.
Bevor er aus der Türe trat, sprach er leise: "Lebewohl, Kydora aus Silvanaja. Möge Lavinia dich erhalten."

Kydora:
Frieden... Ruhige Stunden... Nun solche hätte Kydora ihm schenken können. Wo wenn nicht hier wäre der perfekte Ort, um den Widrigkeiten der Welt zu entfliehen. Wo wenn nicht hier konnte man sich seinen Wünschen und Träumen hingeben?
Doch der Ritter war zu edel... zu aufrichtig und zu direkt, um zu entfliehen. Was sagte diese Tatsache am Ende über sie selbst aus?

"Viele Hoffnungen habe ich mittlerweile verloren. Doch weigere ich mich, mir auch diese nehmen zu lassen. Wir werden einander begegnen und kennen lernen. Es wird anders sein als früher und ich werde das Neue freudig umarmen, wenn es mir begegnet. Denn der Wandel der Dinge bringt stets neue Erfahrungen mit sich."

Kydora sah ihm nach, wie er sich abwendete. Wie er zögerte und dann doch nicht aussprach, sondern nur den Kopf schüttelte.
Sie beide lebten in verschiedenen Welten. Vanion hatte es recht offensichtlich beschrieben. Und doch war sich Kydora sicher, dass sich ihre Wege erneut begegnen würden. Dann, wenn die rechte Zeit gekommen war.

Kurz verzog sich der Mund der Hausherrin, als er Lavinia erwähnte. Hatte sie nicht oft genug erwähnt, dass die Göttin sich aus ihren Angelegenheiten heraushalten sollte? Was andere taten war ihr gleich, doch sie selbst wollte nicht erhalten werden von einer Göttin, die ihr so viel Leid und Enttäuschungen geschenkt hatte. Dieses Thema hatte sie - wie viele andere auch - für sich abgeschlossen. Doch sie schwieg zu dem Thema. Es war ihre private Sache und war hier nicht weiter von Belang.
Und so neigte sie zum Abschied den Kopf und schenkte Vanion ein freundliches aufrichtiges Lächeln.

"Lebewohl, Vanion de Roquefort. Mögen die Götter dich auf deinem Wege schützen."

Die Türe schloss sich. Der Ritter war fort und die Silvanaja fühlte sich merkwürdig. Seine Worte hatten etwas in ihr bewegt. Hatten ihr einen anderen Blickwinkel gezeigt.
Sie wendete sich ab und begann die zerbrochenen Scherben aufzusammeln. Ein Symbol der vergangenen Zeiten?


Als Vanion wieder auf den Gang trat und die Türe sich hinter ihm schloss, herrschte einen Moment lang Ruhe. Bis sich langsam Schritte nähern. Eine ihm bekannte blonde Schönheit in grünen fließenden Stoff bekleidet näherte sich dem Ritter und schenkte ihm ein Lächeln voller Verheißungen.
Nichts ließ hier draußen darauf schließen, dass Kydora und er nur wenige Momente zuvor aneinander geraten waren.

"Wünscht Ihr noch etwas anderes heute Abend?" fragte die Dame freundlich nach. Der Zauber des Hauses schien sich wieder langsam um den Ritter zu schließen, schien ihn zu umgarnen und verlocken zu wollen. Dies war wahrlich eine andere Welt. Eine Welt voller Glück und Freuden. Eine Welt in der Leid kaum einen Platz zu haben schien.
Dies war - auf seine ganz eigene Art - ein Ort der Ruhe.

Die blonde Schönheit wartete geduldig und so der Ritter für heute die Goldene Nachtigall verlassen wollen würde, so würde sie ihn hinausbegleiten zu dem Seiteneingang welchen er zu Beginn des Abends genutzt hatte.
Und würde Vanion sich entscheiden zu bleiben, so konnte er sich gewiss sein, dass für sein leibliches Wohlergehen gesorgt sein würde.

Vanion:
Sie sah umwerfend aus, da gab es keinen Zweifel dran. Überhaupt keinen. Der hauchdünne, fließende Stoff betonte ihre Figur. Ihre vollen Lippen versprachen den Hauch eines Kusses und ... mehr. Aufgewühlt, wie er war, war sein erster Reflex, abzulehnen. Diese Hallen zu verlassen und einfach in sein Leben zurückzukehren.

Aber auch Lavinia Lubentina verlangte nach Verehrung. Er störte sich nicht an den Diensten, die hier verrichtet wurden. Es war vielmehr die Heimlichkeit, das Vogelzwitschern, der Handel mit Informationen, je schmutziger, desto wertvoller, der seinem Wesen widersprach. Die Damen, die hier arbeiteten, verdienten ihr Geld vielleicht nicht auf eine allgemein achtbare Art, aber gewiss nicht auf eine Art, die Vanion verdammte.

Als hätte sie seine Gedanken gelesen, trat die Schönheit in Grün einen Schritt zurück und gab den Blick auf einen Korridor frei. Aus einer offenen Tür flackerte einladendes Licht. Dort gab es gewiss einen warmen Kamin, der Boden mochte mit weichen Fellen ausgelegt sein, und dort würde ein einladendes Bett auf ihn warten - und mehr.



Als Vanion einige Stunden später durch die erwähnte Seitentür das Gebäude verließ, spielte ein zufriedenes Lächeln um seine Lippen.

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