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Goldbach on Tour (Winter 266 n.J.)

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Lilac:
Frost glitzerte in der winterlich kargen Vegetation, der leichte Wind brachte die letzten Blätter in den Bäumen zum Rascheln.
Die kleine Goldbach'sche Delegation bewegte sich im Schritttempo gemächlich durch das kalte Land. Julienne ritt an der Spitze, dann folgte der Karren mit dem Magus, Celestine auf ihrem kräftigen Pferdchen und Nesrine machte den Abschluss.
Der gefrorene Boden war tückisch, aber besser zu bereisen, als die schlammigen Wege im Herbst. Der Atem von Menschen und Tieren bildete Dampfwolken und ein jeder Reisende hing seinen eigenen Gedanken nach. Bis auf das Trappeln der Hufe, das Knarzen des Karrens, dem gelegentlichen Klirren der Ausrüstung und dem seltenen Schnauben der Reittiere war es relativ still.

Sie kamen an eine Brücke, die über einen kleinen, gurgelnden Bach führte. Die Ränder des Gewässers waren vereist und auch auf der Brücke glitzerte es verdächtig.
Mit gespitzten Ohren und laut schnaubend beäugte Hexe die einfache Holzkonstruktion argwöhnisch. Doch nach einem nachdrücklichen Schenkeldruck von ihrer Reiterin betrat das Pferd tänzelnd die Planken. Die Stute rutschte mit einem Huf weg, ließ sich jedoch ausnahmsweise einmal nicht beunruhigen.
Julienne rief eine Warnung nach hinten.


Am frühen Abend erreichten sie einen kleinen Weiler und sie beschlossen zur Nacht Halt zu machen. Eine freundliche Bauersfamilie, die sich über das Kupfer freute, dass man ihnen gab, ließ die Tiere in ihrem Stall unterkommen, während die Menschen auf dem darüber liegenden Heuboden ihr Lager aufschlugen. Durch das Vieh war es fast angenehm warm und die Reisenden begaben sich bald zur Ruhe.

Der nächste Morgen wartete mit einer angenehmen Überraschung auf: Die Bäuerin brachte den Goldbachern warmen Haferschleim. Dankbar löffelten die Leute das kräftigende Mahl, bevor sie sich dann wieder auf den Weg machten.

Insgesamt verlief der Tag ereignislos. Einmal brach der Karren in eine vereiste Pfütze und musste von allen wieder hinausgedrängt werden. Ein anderes Mal schreckte die Gruppe einen fast weißen, riesigen Hirsch auf, der sie alle staunend zurückließ.

An diesem Abend kamen sie zu einem Gasthaus mit mehreren Nebengebäuden, das an einer großen Weggabelung gelegen war. Die Rohhautbespannten Fenster leuchteten einladend im Dämmerlicht und die Tiere drängten zum Stall, wo sie Artgenossen und Heu witterten. Ein Schild über der Eingangstür zeigte einen goldenen Amboss. Aus dem Kamin drang eine dünne Rauchfahne, die ein zumindest kleines Feuer im Herd und somit wohlige Wärme im Innenraum versprach.

Der Fuhrknecht übernahm die Tiere, während Julienne in die Gaststube trat und nach dem Wirt rief.
Eine kräftige, große Frau mit dicken, schwarzen Haaren und eisblauen Augen kam überrascht aus einem Nebenraum.
"Oh, verzeiht, ich habe nicht damit gerechnet, dass heute noch jemand kommt!"
Ihr fehlender caldrischer Akzent verriet, dass sie ursprünglich nicht von hier stammte.
"Wir benötigän Platz für drei Pferdö und ein Maultier und Untärkunft für fünf Personön.", erklärte Julienne.
Die Wirtin besah sie von oben bis unten, bemerkte das Wappen Goldbachs, den doppelt genähten Mantel und die feinen Lederhandschuhe.
"Gern. Futter für die Tiere, ein Gemeinschaftszimmer und etwas zu essen?"
Die Gardistin nickte.
Die Frau wandte sich zum Nebenraum und begann zu brüllen: "Reinhold, Wulfgar, Conrad! Kommt her und helft gefälligst!"
Drei junge Männer traten in den Gastraum. Sie kauten zum Teil noch. Der älteste mochte um die 20 Sommer gesehen haben, der jüngste war kaum den allerersten Bartstoppeln entwachsen. Alle hatten sie die gleichen, dicken schwarzen Haare und die eisblauen Augen, die auch die Wirtin ihr eigen nannte.
"Wulfgar, Conrad, geht raus und kümmert euch um die Tiere! Reinhold, du setzt Eintopf auf! Und sieh zu, dass er nicht so dünn wird, wie dein letzter!"
Sie wandte sich wieder an Julienne, nun mit einem Lächeln: "Willkommen im Gasthaus zum goldenen Amboss.!"
Die Gardistin nickte und begab sich dann auch nach draußen.

Bald darauf standen die Tiere zufrieden im Stall und die Menschen saßen bei Eintopf und Bier im Schankraum. Die Wirtin erzählte ihnen, dass sie im Osten die Schmiedekunst gelernt und nach dem Tod ihres Mannes die gemeinsame Schmiede veräußert und hierher gezogen war und das Gasthaus von einem alternden Wirt übernommen hatte.
"Früher hieß es 'Zur goldenen Kreuzung', aber ich wollte dem ganzen mein eigenes Siegel aufdrücken..."

Auch an diesem Abend blieben die Reisenden nicht allzu lange auf, wollten sie doch am kommenden Morgen früh wieder los.

Lilac:
Die Reise ging gut voran.
Es dauerte eine Weile, dann geriet die kleine Gruppe eines kalten, klaren Tages in das Umland der großen Stadt Engonia. Die Landstriche waren deutlich dichter besiedelt - Dörfer und kleine Städte wurden häufiger.
Am frühen Nachmittag erreichten die Goldbacher eine Hügelkuppe, von der aus man eine gute Aussicht hatte. Vor ihnen lag die Hauptstadt. Aus schier tausenden von Schornsteinen quoll Rauch der Krach der Bewohner wurde - ebenso wie ihr Gestank - den Reisenden vom Wind entgegen geweht.

Hexe zog die Nüstern kraus und schnaubte. Julienne beugte sich vor und strich der Stute über den Hals.

"Engonia.", sagte die Gardistin zu niemand bestimmtem. Sie, Ardor, Celestine und der Fuhrknecht kannten die riesige Stadt schon von den Reisen der Baronin, aber für Nesrine war sie neu. Und überwältigend.

In großen Scharen waren hier Reisende auf den Straßen unterwegs und so reihten sich die Goldbacher in den stetigen Strom von Leuten ein, die gen Engonia zogen.
Menschen allen Alters, arm und reich, in Gruppen oder allein, zu Fuß, auf dem Karren oder hoch zu Ross, Bauern, Händler, Tagelöhner, Kriegsveteranen, Gardisten, Priester und Geweihte, reiche Kaufleute, Ritter und anderer Adel - alle strömten sie über die gepflasterten Straßen zu den großen Stadttoren.

Julienne hatte nun große Mühe mit Hexe. Die Stute quietschte, tänzelte, scheute, keilte und versuchte zu steigen. Es war ihr einfach zu viel los.
Schließlich gab ihre Reiterin entnervt auf; sie stieg ab und führte das Pferd am kurzen Zügel. Zwar war sie so selbst gefährdeter, einen Tritt abzubekommen, aber in dem Getümmel auf die Schnauze zu fliegen und dann gar keine Kontrolle mehr über ihr Reittier zu haben, schien ihr auch keine gute Option.

Nesrine machte große Augen. Noch nie hatte sie so viele Menschen auf einer Stelle gesehen. Insgeheim hätte sie es gerne wie Hexe gemacht - um sich getreten, geschrieen und alles daran gesetzt, wegzulaufen. Sie riss sich jedoch zusammen, als das Ohrenspiel ihres braven Jaques verriet, dass sich ihre Gefühle auf ihr Reittier übertrugen.

Je näher sie den Stadttoren kamen, desto dichter wurde das Gedränge. Zunächst versuchte man noch für heraneilende Reiter und Kutschen Platz zu machen, doch schon bald staute sich alles hoffnungslos. Nesrine bekam langsam Panik und sie konnte sehr gut nachfühlen, wie es Juliennes Stute ging. Diese zitterte nun am ganzen Leibe, schwitzte heftig und gebärdete sich wie toll.

Endlich kamen sie durch das von vier Wachen in den Farben Engonias flankierte Stadttor. Dahinter verteilte sich die Menschenmenge rasch und die Goldbacher bogen in eine kleinere Straße ab, um eines der Viertel zu erreichen, in denen die guten Gasthäuser zu finden waren.

Hexe beruhigte sich etwas - auch wenn ihr die engen Straßen sichtlich auf das Gemüt schlugen - und auch Nesrine ging es abseits der Hauptstraßen und deren Gedränge besser.

Julienne wandte sich an den Fuhrknecht: "Gerard, wo müssän wir nochmal reschts? 'ier bei döm Brunnön odär dort 'intön bei där Statue?"

Francois:
Francois und André suchten sich derweil einen Platz in einem etwas abgelegeneren Gasthaus in der Nähe der Handwerker. Das Essen war reichlich und kräftigend,und man musste keine Sorge haben, dass man jemand auf den Fuss trat, der es allzu übel nehmen würde.

Lilac:
Endlich erreichte die Goldbach'sche Reisegesellschaft ihr Ziel: das Gasthaus 'zum roten Hahn'. Dort jedoch erwartete sie eine herbe Enttäuschung: Es gab nicht genügend (bezahlbare) Schlafplätze für die Gruppe.
Zig mal entschuldigte der Wirt sich und hatte dabei sogar noch den Anstand, ihnen nicht die teuren Einzelzimmer anzubieten. Er war voll des Kummers, hatte er doch die Sorge, dass die Frau Baronin sein Gasthaus nicht mehr den anderen vorziehen würde, sollte sie wieder einmal nach Engonia kommen.
Juliennes "Nischt so schlimm, dann kommön wir 'alt auf der nächstön Reisö bei Eusch vorbei!", konnte ihn da kaum beruhigen.

Schließlich nahmen die Goldbacher wieder ihre Plätze auf den Reittieren bzw auf dem Kutschbock ein (Julienne führte Hexe weiterhin) und machten sich auf, in einem anderen Viertel ein Gasthaus zu suchen. Der kleine Rabatt, den sie als Stammgäste im 'roten Hahn' bekommen hätten, galt nicht für die anderen Herbergen hier und so führte Julienne die anderen mit Gerards Hilfe durch die Straßen und Gassen in einen anderen Bereich der Stadt. Die Prunkvollen Häuser des niederen Adels und der reichen Kaufleute wichen einfacheren Gebäuden, es war mehr Dreck auf der Straße und die Luft war voll von Gerüchen und Klängen, wie sie für die verschiedenen Handwerke üblich waren. Sie kamen vorbei an Schmieden, Färbern, Böttchern, Schreinern, Zimmerleuten, Linsenschleifern, Tischlern, Steinmetzen, Töpfern, Webern, Schneidern und Flickschneidern, Kürschnern, Lederern, Sattlern, Korbmachern, Schustern, Wagnern und vielen anderen.

"Nischt zu weit, sonst kommön wir in das Gerberviertöl!", warnte Gerard gerade, als aus einer Seitengasse eine hübsche Schankmagd gerannt kam, gefolgt von einem Betrunkenen in grober Kleidung.

Die junge Frau mit den netten ... Augen(!) lief geradewegs in die Goldbacher hinein, während sie sich im Laufen umdrehte und schimpfte: "Jetzt lass mich endlich in Ruhe, Alrik Fassbinder! Geh nach Haus zu deiner Frau und werd zur Abwechslung mal nüchtern!".

Sie kam schlitternd zum Stehen, kurz bevor sie unliebsame Bekanntschaft mit dem Spieß von Julienne machen konnte. Mit großen Augen sah sie, dass die Spitze der Waffe einen Augenblick auf sie zeigte, bevor die Gardistin den Schaft herumschwenkte, sodass er nun auf besagten Alrik Fassbinder wies.

Dieser jedoch torkelte - offenbar blind für das Geschehen um ihn herum - weiter hinter der Magd her, während er lallte: "Komm schon her meine Hübsche, es wird auch niemand erfahren..."

Nesrine handelte sofort. Nach einem kurzen Blick in die Umgebung trieb sie Jaques an und ritt einfach gegen den Betrunkenen, sodass dieser unsanft zu Boden plumpste. Von dort aus sah er verdattert nach oben und Jaques schrie ihn an, was Alrik dazu veranlasste, erschrocken zurückzuweichen. Die heiseren Rufe des Maultieres und die Reaktion des Mannes ließen alle lachen und vermutlich war es das Gelächter, dass den Betrunkenen - nach einem kurzen Blick in die Runde - sich hastig aufrappeln und unkoordiniert davoneilen ließ.

Immer noch lachend wandte sich die hübsche Schankmagd an ihre 'Retter' und setzte gerade zu sprechen an, als sie stockte. Ihr Blick wanderte von einem Goldbacher zum anderen und ihr Mund stand für einen Augenblick vor Überraschung offen.

"Was?!?", knurrte Gerard argwöhnisch.

"Ihr... ihr tragt das gleiche Wappen, dass ich vorhin erst an zwei Männern sah, die bei uns im Gasthaus eingekehrt sind... ja, ich erinnere mich... das orangene Blatt auf grauem Grund! Genauso hat es ausgesehen!", beeilte sich die junge Frau zu sagen.

Die Goldbacher sahen einander erstaunt an.

"Führe uns 'in!", verlangten Gerard und Julienne gleichzeitig.
Die Magd zuckte eingeschüchtert zusammen und wies der Gruppe dann den Weg.
Sie führte sie durch die Seitengasse bis zu einer Herberge mittlerer Größe. An der Tür war ein Schild angebracht, das einen dunklen Krug voll überquellendem Schaum zeigte.
"Das Gasthaus zum ehernen Humpen.", sagte die junge Frau und knickste. "Wir sind da."

"Isch ge'e!", eröffnete Gerard. Er band die Zügel fest, sprang vom Bock und stapfte in das Gasthaus...

Francois:
Francois und André sassenin einer etwas abgedunkelten Ecke des Schankraumes über ihrem Eintopf mit Brot und einem guten Bier. Gewohnheitsmässig hatte der Waibel die Tür im Blick.
Sie hatten den Platz extra gewählt, da sie nicht direkt auf dem Präsentierteller sitzen wollten.
Die Tür öffnete sich, und Francois glaubte, in den Rauchschwaden ein bekanntes Gesicht zu erkennen...

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